GLAS

Für uns Kinder hatte alles seinen Wert und nichts einen Preis.

Wir konnten kaum rechnen und Taschengeld war noch kein Thema. …

Zu unseren Spielen gehörte das Murmeln. Wir bauten Murmelbahnen an Hügeln oder warfen sie in der Fläche, ähnlich dem Boule .
Murmeln aus gebranntem Ton waren weniger begehrt als Stahlkugeln aus Kugellagern. Sie gab es in verschiedenen Größen. Wir nannten sie Bucker.
Es gab noch eine dritte Kategorie: Glasbucker. Die kamen aus dem Westen, waren mittelgroß und hatten abstrakte farbige Einschlüsse.
Man brauchte sie nur zwischen Auge und Sonne halten, schon öffnete sich eine andere Welt.
Es war die Sichtbarwerdung des Lichts!

Die Schule tat wenig für meine Begeisterung. In den oberen Klassen gab es physikalische Experimente. Der Doppelcharakter des Lichts: Welle und Materie. Das war Naturwissenschaft, nicht Empfindung. …

Spektrometer

Eine Ausnahme: Mein Stiefgroßvater, er war Physiklehrer, vererbte mir in dieser Zeit ein Spektrometer. So lernte ich das Tageslichtspektrum kennen. Später half es mir bei der Einschätzung unbrauchbarer Beleuchtung. (Beleuchtung also, die nur einen Bruchteil des Tageslichtspektrums enthält.)

 

 

Zu fotografieren begann ich mit 12. Tierpark Berlin. Pouva Start, 6×6 Negative, sw. Erste Kontaktabzüge bei Nacht. Auf der elterlichen Waschmaschine hatte ich meine Fotobasis eingerichtet. Es dauerte Jahre bis ich die Farbe entdeckte. Mit 18 vergrößerte ich Farbnegativfilme in einer kleinen Mansardenwohnung. Es wurde eine aussichtslose Aktion. Das Entwicklerbad musste auf 1/4 Grad konstant gehalten werden. Das Thermoeter aber war nur auf 1 Grad Genauigkeit geeicht. Ein Thermostat besaß ich nicht. …

Die Rettung: Diafilm.

Da war sie wieder: Die Welt des Lichts. Die künstliche Sonne warf das Bild an die Wand. Höhlengleichnis. …

1985 öffnete sich mir die Welt des Super-8 Films. Das „Durchlicht“ des Diafilmes setzte sich in Bewegung. … Großartig.

S-8 Film „RUMMEL (Film-Standbild)

Ein Bild verbrannte vor dem Auge des Objektivs. Das ORWO-Filmmaterial rauschte wie das Böse. Das Filmkorn war nicht nur fühlbar, es war unübersehbar Teil des Inhalts. Ich war begeistert. Licht und Materie waren untrennbar vereint.

1990 war Schluß.
Es folgten noch drei 16mm Filme, aber sie waren schon Teil einer anderen Welt. …
Dann wurde Video mein Arbeitsmedium. Arbeitsmedium, mehr nicht.

Anfang der 2000er Jahre erwarb ich eine gebrauchte Hasselblad. Das gleiche 6×6 Mittelformat wie meine Pouva Start. Aber was für ein Sucher! Ein großes Glasprisma.
G l a s k l a r e Realität!

Ich hatte inzwischen ein Atelier in einem ehemaligen Saatgut.
In den Räumen der unteren Etage arbeitete ein Glaser. In der DDR hatte er mit Kunstglas und Brauchglas gearbeitet. Die DDR hatte ihn geprägt. In der neuen Gesellschaft kam er nie an. 2017: Depression und die anschließende Insolvenz. Das war das Ende. Ich hatte nur eine Bitte an ihn: Überlass mir dein farbiges Glas! Er legte es im Hausflur auf ein Fensterbrett. Dazu ein Glasmusterbuch vom Beginn des 20.Jh. …

Seiten aus dem Glasmusterbuch

 

 

 

 

 

Das farbige Glas sortierte ich nach Farben. Ich legte es auf einen kleinen Lichttisch und arrangierte es.

KB-Film, Crossentwicklung

Belichtet habe ich auf Diafilm. Es folgten Crossentwicklung (also Negativentwicklung) und Abzüge. Barbara Thiel von „C-Print“ in Berlin machte diese Vergrößerungen. 1,5m Seitenlänge.

Michael Freitag von der „Feininger-Galerie“ in Quedlinburg war davon so angetan, dass er vorschlug, diese und andere Fotos zu einer Ausstellung zusammen zu führen.(Technische Umbauten im Haus, Corona-Krise und die Pensionierung von Michael Freitag verhinderten schließlich die Pläne.)

Das farbige Glas wird mich weiter durch die Welt des Lichts begleiten!

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